Seit ihrer Begründung im ausgehenden 19. Jahrhundert verstand sich die Psychoanalyse nicht allein als metapsychologische Theorie, sondern stets auch als Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse: »Die Psychoanalyse hat zwar die individuelle Psyche zum Objekt genommen, aber bei der Erforschung derselben konnten ihr die affektiven Grundlagen für das Verhältnis des einzelnen zur Gesellschaft nicht entgehen«, notierte Sigmund Freud 1913. Freud selbst hat dieses Verhältnis in kulturtheoretischen Schriften wie »Massenpsychologie und Ich-Analyse« (1921) und »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) eingehend untersucht. Darüber hinaus haben seine Arbeiten zur infantilen Sexualität, zur Triebtheorie, zum Unbewussten und zum Narzissmus unterschiedliche Strömungen gesellschaftskritischer Theorie im 20. und 21. Jahrhundert nachhaltig geprägt.

Auf Grundlage der Lektüre zentraler Texte Freuds widmet sich das Seminar theoretischen Positionen, die psychoanalytische Kategorien in eigene begriffliche Konstellationen überführen, weiterentwickeln und kritisch reflektieren. Der Fokus liegt dabei auf philosophischen, soziologischen und sozialpsychologischen Ansätzen aus der kritischen Theorie, dem Poststrukturalismus und der feministischen Theorie, die an Freud anschließen und Kritik an Formen von Herrschaft, Macht, Subjektivierung sowie an der Psychoanalyse selbst formulieren. Das Seminar versteht sich somit als Einführung sowohl in die Psychoanalyse Freuds als auch in das Denken von Autor:innen wie Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Michel Foucault und Judith Butler. In der gemeinsamen Diskussion der Texte werden wir einerseits nach den psychischen Voraussetzungen des Individuums für sein Verhältnis zur Gesellschaft fragen und andererseits die Bedeutung dieser Verhältnisse für die Konstitution der individuellen Psyche bis in die Gegenwart nachvollziehen.